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Interview: „Als ich aus der Badewanne stürzte, war mir klar, dass etwas geschehen muss“

Wann merken Menschen, dass sie zu viel Alkohol trinken? Wann ist der Punkt erreicht, sein Leben in die Hand zu nehmen und den Alkohol nicht mehr als Lebensmittelpunkt zu sehen? Trinkerheilanstalt.com fragt nach. Und zwar bei den Menschen, die es betrifft und die eine Entscheidung getroffen haben. 

Für diesen Artikel sprachen wir mit Sascha. Er ist 43, selbstständig in der Elektro-Branche und trinkt seit Jahren. Im Frühjahr 2018 bemerkte er, dass sein Leben so nicht mehr weitergehen kann.

Ein langer Weg: Die Alkoholentwöhnung kann bis zu 18 Monaten dauern.

Am Scheideweg: Wer alkoholabhängig ist, sollte sich Gedanken über Entgiftung und Entwöhnung machen.

 Trinkerheilanstalt.com: Sascha, wann hast Du gemerkt, dass Du zu viel Alkohol trinkst?
Sascha: Das war schon vor einigen Jahren. Meine damalige Freundin trank auch gerne mal einen über den Durst. Das fiel mir erst gar nicht auf. es war normal, dass sie sich abends eine Flasche Sekt öffnete. Ich trank dann eben ein Bier. Oder zwei.

 Trinkerheilanstalt.com: Und das ging jeden Abend so?
Sascha: Ja. Das hat sich eben so eingespielt. Ich habe gar nicht gemerkt, dass das zu viel sein könnte. Irgendwann ging die Beziehung dann in die Brüche. Nicht wegen des Alkohols. Da waren andere Sachen der Grund.

 Trinkerheilanstalt.com: Hast Du dann weiter getrunken?
Sascha: Ich habe meinen Konsum nicht reduziert. Im Gegenteil. Durch die Trennungssituation war ich gefrustet, meine Gedanken kreisten nur noch um das „Warum“. So wurden am Abend aus den ursprünglichen zwei Bier dann vier bis fünf. So richtig schlimm wurde es, als ich dann auch noch meinen Job verlor. Die Firma hat die Abteilung, in der ich arbeitete, geschlossen. Ich war noch in der Probezeit und musste als erster gehen.

 Trinkerheilanstalt.com: Wie hast du Dich dann gefühlt?
Sascha: Plötzlich hatte ich gleich mehrere Baustellen zu bearbeiten. Die Trennung und die Kündigung. Das alles hat mich so getroffen, dass ich eine astreine Depression entwickelt habe. Mein Hausarzt schrieb mich krank. Da saß ich dann also alleine zuhause, die Decke fiel mir auf den Kopf und die Gedanken kreisten um die Trennung und um meine Zukunft. Noch hatte ich zwar Geld, weil ich ja Krankengeld bekam, aber die Zukunftsaussichten waren düster.

 Trinkerheilanstalt.com: Was hast Du dann gemacht? Hast Du Deine Zukunft in die Hand genommen oder hast Du Dich gehen gelassen?
Sascha: Gehen gelassen nicht. Naja, ein wenig vielleicht. Ich habe eine Reha beantragt. Zunächst „nur“ wegen der Depression. Diese Reha wurde aber abgelehnt, weil ich bis dahin noch keine ambulanten Maßnahmen in Anspruch genommen habe. Das hat mich dann ebenfalls gefrustet. Also trank ich. Manchmal schon morgens. So kam ich am Tag auf 8 bis 10 Bier.

 Trinkerheilanstalt.com: Wann kam der Punkt, als Dir klar wurde, dass Du etwas unternehmen musst und es so nicht mehr weiter geht?
Sascha: Es gab zwei dieser Momente. Einer war an dem Tag, als meine Vermieterin vormittags um halb 11 bei mir klingelte. Ihr Mann war krank und musste dringend zum Arzt. Sie bat mich, ihn zum Doktor zu fahren, weil sie das nicht könne und auch sonst niemand da sei. Aber ich war um diese Zeit schon betrunken und konnte nicht mehr fahren. Also redete ich mich mit Ausreden heraus. Ich sagte ihr, ich müsse dringend eine Auftragsarbeit fertig machen, die keinen Aufschub dulde. Das war mir extrem peinlich.

 Trinkerheilanstalt.com: Und der zweite Moment?
Sascha: Ich war betrunken duschen. Leider habe ich keine Duschkabine, sondern eine Badewanne mit Duschvorhang. In meinem Rausch wurde mir unter der Dusche schwindelig. Ich habe versucht, mich an der Duschstange festzuhalten, riss diese aber komplett aus der Wand und fiel hinterrücks aus der Dusche. Das hätte böse ausgehen können. Als ich aus der Badewanne stürzte, war mir klar, dass etwas geschehen muss.

 Trinkerheilanstalt.com: Also hast du beschlossen, etwas zu tun? Was genau?
Sascha: Am nächsten Tag rief ich bei einem Krankenhaus an, das eine Entgiftungsstation hat. Man lud mich ein, ich schaute mir die Räumlichkeiten an und landete auf der Warteliste. Etwa 4 Wochen später konnte ich zur Entgiftung kommen. 

 Trinkerheilanstalt.com: Wie hast Du diese Zeit empfunden?
Sascha: Am Anfang war ich furchtbar aufgeregt. Ich hatte mich vorher im Internet informiert und solche Sachen gelesen, dass man nicht alleine entgiften soll. Krampfanfall und Delir usw. Ich hatte keine Ahnung, was in der Entgiftung auf mich zukam. Wie sich herausstellte, musste ich gar nicht aufgeregt sein. Dort kümmerte man sich ganz verständnisvoll und respektvoll um mich und die anderen Patienten. 

 Trinkerheilanstalt.com: Während der Entgiftung hast Du auch den Antrag für eine Alkoholentwöhnung gestellt?
Sascha: Richtig. Und diesmal wurde die Reha auch genehmigt. Es waren zwar noch einige Hürden zu nehmen, aber letztendlich konnte ich ein paar Wochen nach meiner Entgiftung in die Entwöhnung. 15 Wochen war ich da. Eine Zeit, die mich unglaublich weit gebracht hat. Heute lebe ich abstinent und genieße mein Leben. Die Trennung habe ich ebenfalls in der Reha verarbeitet. Man kann sagen: Ich bin ein neuer Mensch.

 Trinkerheilanstalt.com: Da können wir Dir nur alles Gute für Deine Zukunft wünschen!
Sascha: Herzlichen Dank!

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